FOCUS: 11. Sarajevo FilmfestivalVor zehn Jahren sah das 2. Sarajevo Filmfestival 1996 noch ganz anders aus. Kurz nach der vierjährigen Belagerung Sarajevos hatte Festivalleiter Miro Purivatra nur DM 50.000 zur Verfügung. Das Geld kam hauptsächlich von der Soros Foundation. Das erfinderische Festivalteam aber machte es 1996 möglich, daß 70 Gäste bei privaten Familien wohnen konnten. Vor 2.500 Zuschauern in der Obala-Freiluft-Arena war Vanessa Redgrave persönlich anwesend, als ihr Film Operation Impossible von Brian de Palma lief. Romuald Karmakar war präsent mit seinem in Venedig preisgekrönten Der Totmacher. Von amerikanischen Filmverleihern kamen Action-Hits und Disneys Der Glöckner von Notre Dame. Die Filme waren da, ohne Transport-Kosten, ohne Konditionen, ohne Bedenken vor Piraterie. Ein Wunder? Dieses Jahr, für das 11. Sarajevo Filmfestival (19. bis 27. August 2005), hat Miro Purivatra mehr als 2 Million Euro zur Verfügung. 700 Gäste waren eingeladen, davon 400 Journalisten. 182 Filme liefen in zwölf verschiedenen Sektionen: Galas in der Obala-Freiluft-Arena, Wettbewerb für Spielfilme aus der Region (d.h. aus den Balkanländern), es gab einen Wettbewerb für Kurzfilme aus der Region, ein Panorama Programm (Festival Hits), Internationale Dokumentarfilme, Dokumentarfilme aus der Region, New Currents (Forum des jungen Films), Spezialvorführungen, Teen Arena (Filme für Jugendliche), Kinderfilme, Alexander Payne Retrospektive und »Cine-Link« (Unterstützung für Projekte aus dem Balkan). Seit Jahren gilt Sarajevo unter Kennern als das wichtigste Filmfestival Südosteuropas, d.h. für die Filmländer zwischen Albanien und Ungarn. Es ist ein wohldotiertes Festival. Für die beiden Wettbewerbe stehen 50.000 Euros zur Verfügung. Täglich druckt das »Sarajevo Daily« 20 Seiten: Informationen, Nachrichten, Kritiken und Interviews auf bosnisch und englisch. Der Meeting Point ein Treffpunkt für Filmverrückte, Journalisten, Fans war die ganze Nacht offen. Videos, DVDs und Computer sind auf dem letzten technischen Stand. Für den Festival Newcomer gab es einen Ausflug nach Mostar zu der berühmten Brücke und eine Besichtigung des legendären Tunnels, durch den damals in der Kriegszeit Lebensmittel die belagerte Stadt erreichten. Durch diesen engen Tunnel kamen 1995 auch die Filmkopien und Videokassetten für das 1. Sarajevo Filmfestival, organisiert von Miro Purivatra mit der freundlichen Hilfe vom damaligen Locarno Festivalleiter Marco Müller. Bei der Eröffnung des diesjährigen Filmfestivals erhielt Marco Müller (heute Festivalleiter von Venedig) eine Sarajevo Ehrenurkunde. Das Festival wurde mit der Uraufführung eines bosnischen Spielfilms eröffnet: Benjamin Filipovics Dobro ustimani mrtvaci (ungefähr: Frische Leichen). Eine schwarze Komödie vom Schicksal von vier Menschen, die innerhalb weniger Stunden am gleichen Tag umkommen. Drei Jahre in der Vorbereitung und bejubelt vom einheimischen Publikum in der Obala-Freiluft-Arena schildert Frische Leichen die Absurdität des Lebens heutzutage in Sarajevo. Ein Arzt möchte seine Frau, die Ministerin in der Regierung für Wirtschaft und Finanzen ist, umbringen, weil sie ihre bürokratischen Ticks auch in der Familie ausübt. Dann ist da ein Schwuler, der sich umbringen möchte, weil er Mobbing in einer Computerfirma nicht mehr ertragen kann. Ein älterer Herr will mit einem hausgebastelten Miniflugzeug nach New York fliegen, um seine Tochter zu besuchen, die vor zehn Jahren in der Kriegszeit ausgewandert ist. Und ein verrückter Lokomotivführer hofft, von der Regierung eine Lizenz für seine eigene Bahnstrecke bekommen zu können. Das wird abgelehnt. Da fällt der gute Mann in Ohnmacht und wird zu den anderen ins Leichenschauhaus gebracht. Elf Spielfilme aus Bosnien, Slowenien, Kroatien, Serbien, Kosowo, Ungarn, Rumänien und Bulgarien liefen im Wettbewerb für den Besten Regionalen Beitrag. Nächstes Jahr sollen auch Griechenland und die Türkei eingeladen werden. Der Hauptpreis (25.000 Euros, gestiftet vom BH Ministerium für Kultur und Sport) ging an Georgij Djulgerows Leidi Zi (Lady Zee) (Bulgarien), ein Dokudrama, vier Jahre in Arbeit. In dieser warmherzigen Geschichte eines Weisenkindes versucht »Lady Zee« (Z für Zlatina), ihren Weg zurück in die Gesellschaft zu finden. Zunächst als Sportschützin mit der Pistole, dann als Prostituierte in Griechenland, endlich als eine erwachsene Frau, die mit Würde für ihre Anerkennung kämpft. Der Spezial Jury Preis ging an Isa Qosjas Kukumi (Kukum) (Kosowo), eine poetische Darstellung von Ereignissen in Kosovo kurz nach dem Krieg. Die Zeit ist 1999, als NATO Panzer plötzlich auftauchen. In dieser absurden Geschichte, die an Beckett erinnert, verlassen die serbischen Wächter eine Klinik für geistig kranke Menschen. Dadurch sind drei »Verrückte« frei, wissen aber nicht, wo sie hingehen sollen. Als sie durch das Land wandern, spielt Kukum (Luan Jaha), ein begnadeter Flötist, eigenartige traditionalle Musik auf seiner Flöte, Lieder, die von der Seele kommen. Als ein NATO Panzer auftaucht, will Kukum Musik machen und greift in die Tasche nach der Flöte. Die Soldaten im Panzer verstehen das falsch und schießen ...
Ron Holloway
FEATURE FILM COMPETITION: Best Regional Feature Film: Leidi Zi (Lady Zee) (Bulgaria), dir Georgi Djulgerov Special Jury Prize: Kukumi (Kukum) (Kosovo), dir Isa Qosja Best Actress: Zrinka Cvitesic, Sto je muskarac bez brkova? (What Is a Man Without a Moustache?) Croatia), dir Hrvoje Hribar Best Actor: Peter Musevski, Delo osvobaja (Labour Equals Freedom) (Slovenia), dir Damjan Kozole SHORT FILM COMPETITION: Best Regional Short Film: Before Dawn (Hungary), dir Balint Kenyeres Special Mention: Prva plata (Paycheck) (Bosnia & Hercegovina), dir Alen Drljevic Ram za sliku moje domovine (Frame for the Picture of My Homeland) (Bosnia & Hercegovina), dir Elmir Jukic OTHER AWARDS: CICAE Award International Confederation of Arthouse Cinemas: Leidi Zi (Lady Zee) (Bulgaria), dir Georgi Djulgerov EFA/UIP Award: Prva plata (Paycheck) (Bosnia & Hercegovina), dir Alen Drljevic Human Rights Award: Georgi and the Butterflies (Bulgaria), dir Andrey Paunov Special Mention: Borderline Lovers (Bosnia & Hercegovina/Czech Republic), dir Miroslav Mandic Straight A’s (Croatia), dir Dana Budisavljevic |
||